Mit den Händen sehen, verstehen und gestalten

da „Dolomiten – Tagblatt der Südtiroler“ del 24-25-26/12/2014

Mit den Händen sehen, verstehen und gestalten

PROJEKT: Bozner Andrea Bianco wagt nach Verlust des Sehvermögens Einstieg in die Kunst – Studentinnen dokumentieren Werdegang

BOZEN (swa). Es scheint den meisten wahrscheinlich unmöglich, doch ein Bozner hat den unglaublichen Schritt gewagt. Ein Unfall nahm ihm sein Augenlicht, doch seine schon immer bestehende Neigung zur Kunst setzte er dennoch in die Praxis um. In der Fakultät für Design der Freien Universität berichtete der Künstler Andrea Bianco kürzlich über sein Leben und seine Arbeit.
Es war ein sehr ungewöhnlicher Rahmen, in dem die Konferenz in einer Aula der Universität abgehalten wurde. Alle Fenster und Türen waren verhängt, kein Lichtstrahl fiel hinein. Nur so bestand die Möglichkeit, die Anwesenden klar nachempfinden zu lassen, wie schwer es sein muss, ohne zu sehen seine Umgebung wahrzunehmen und sich darin zurechtzufinden. Um wie viel schwieriger ist es also, unter diesen Voraussetzungen Kunstwerke zu schaffen.
Doch es ist möglich. Viel Enthusiasmus, Willen, aber auch Menschen, die einen dabei unterstützen und fördern, führen zum Ziel. Andrea Bianco vereint alles und hatte das Glück, in den vergangenen Jahren Künstler und Studenten kennenzulernen, die ihn auf seinen Weg begleitet und ihm Mut gemacht haben.
„Ich war bereits in der Mittelschule sehr an Kunst interessiert, hatte aber nicht den Mut, dann diese Richtung an der Oberschule einzuschlagen. Nach der Matura und dem Studium hatte ich … und eines seiner Werke 1996 den schweren Unfall, bei dem ich das Sehvermögen verloren habe. Später habe ich erfahren, dass auch Blinde fähig sind, Kunst zu entwerfen“, berichtet er.
Seine ersten Kontakte entstanden im Blindenzentrum St. Raphael über die in diesem Frühjahr gestorbene Mariedl Fischnaller. Er nahm an Keramikkursen der Stiftung Thun teil, bemerkte aber schnell, dass dies nicht sein Weg war. Größere Zufriedenheit brachte ein Werkstattbesuch in der Toskana, wohin er seit fünf Jahren regelmäßig zurückkehrt. Vor zwei Jahren wagte er sich dann erstmals an die Bildhauerei mit Holz und Marmor.
Ein Kurs in Carrara brachte den Durchbruch. „Es gab viele Vorurteile, denn alle hatten Angst, dass ein Nichtsehender sich bei der Arbeit wehtun könnte. Doch im Endeffekt sind diese Kurse eine enorme Bereicherung für beide Seiten, für die Sehenden und die Blinden. Die einen sehen mit den Augen, ich ertaste alles mit den Händen und bemerke viele Details, die das Auge nicht erkennt. Ein Blinder würde nie ein Kunstwerk an einigen Stellen unvollendet lassen, wo normalerweise keiner hinsehen würde, wie an den Stellflächen oder auf der Rückseite“, so Bianco.
2013 entstand der Kontakt zu einem Kunststudenten der Uni Bozen. Nicolà begleitet Bianco seitdem in seinem künstlerischen Werdegang, bei seinen Besuchen in Ausstellungen oder im Atelier. Zwei Studentinnen, Asia und Giulia, zeichnen seit einem Jahr die Entwicklungen in einer Dokumentation auf. Das Projekt läuft unter dem Titel „Rebellen jeden Tag“. „Der Titel ist mehr als zutreffend, denn allein die Courage, gegen den Strom zu schwimmen und sich trotz der schweren Behinderung ins Spiel zu bringen, hat etwas von Rebellion“, sagt Bianco. Bis zu drei Stunden arbeitet er täglich an seinen Kunstwerken. Für ihn bringt es nicht nur Ruhe und Entspannung, sondern es ist auch ein Weg, sein Wesen, Gefühle, Träume und Wünsche widerzuspiegeln. © Alle Rechte vorbehalten

Lascia un commento